Eine neue Informationslandschaft braucht eine neue Informationskompetenz (oder wie man die Bäume UND den Wald sieht)

Siebziger Jahre, Europa, mittelgroße Stadt, Einfamilienhaus: ein Paket wird geliefert und im Haus geöffnet. Der Inhalt besteht aus Papier; es handelt sich um das jährliche Zusatzheft mit Aktualisierungen, das die Familien-Enzyklopädie auf dem neuesten Stand halten soll. Im Hintergrund läuft der Fernseher.

2015, Europa, Großstadt oder Land, drinnen oder draußen: ich entsperre mein Mobilgerät, neue Tweets tauchen nacheinander auf, jemand postet gerade etwas auf Facebook, gleichzeitig verschaffe ich mir über VPN Zugang zu einer Reihe an virtuellen Medien in meiner Heimateinrichtung.

In wenigen Jahrzehnten hat sich die globale Informationslandschaft sehr verändert. Einige der Informationsquellen und -träger, mit denen wir aufgewachsen sind, verwenden wir immer noch; andere mussten für modernere Platz machen.

Denn die Informationslandschaft wird immer heterogener. Einerseits sind Informationen nicht mehr rein auf Papier, sondern auf einer Vielzahl von Trägern oder nur noch virtuell vorhanden; andererseits ist die scharfe Trennung zwischen InformationsproduzentInnen und InformationsempfängerInnen nicht mehr vorhanden. Beide Entwicklungen sind eng miteinander verbunden: InformationsempfängerInnen können anhand einer Vielzahl neuer Medien unmittelbar auch InformationsproduzentInnen sein.

Diese Entwicklung bringt durchaus positive Aspekte vor allem im Sinne der Meinungsvielfalt und -freiheit mit sich. Gleichzeitig wirft sie einige Fragen auf: wenn jeder Informationen für jeden produzieren kann, wer garantiert die Angebotsqualität? Dies ist ein wesentlicher Punkt nicht nur in Bezug auf die Produktion wissenschaftlicher Information, sondern auf jeder Ebene des Informationsprozesses. Die Frage der kritischen Beurteilung von Informationen und Informationsquellen – immer von zentraler Bedeutung – nimmt eine neue Dimension an.

Um diesen neuen Herausforderungen gerecht zu werden, muss sich die Informationskompetenz in eine völlig neue Richtung bewegen. Mit der Formulierung des Metaliteracy Konzeptes in 2011i haben Thomas P. Mackey und Trudi E. Jacobson ein Modell erstellt, das die grundlegenden Änderungen in der Informationslandschaft berücksichtigt. Nach diesem Modell kann der informationskompetente Mensch bewusst am Informationsprozess im digitalen Zeitalter teilnehmen und die neuen (sozialen) Medien und Online Communities kritisch benutzen und beurteilen. Wichtig dabei ist der Fokus auf eine ganze Palette von Literacies (Visual Literacy, Media Literacy, News Literacy usw.), die nicht nur als Einzelfähigkeiten, sondern als Ganzes und in Verbindung zu einander beherrscht werden solltenii. Es entsteht somit eine übergreifende Kompetenz, die Mackey und Jacobson Transliteracy nennen. Dabei geht es darum, nicht nur die Bäume, sondern auch den Wald als Gesamtsystem mit all seinen Verzweigungen wahrzunehmen.

Für Bibliotheken als Förderer von Informationskompetenz entstehen somit eine Verpflichtung gegenüber Ihrer Nutzerinnen und auch eine große Chance, die Informationsprozesse von Morgen mitzugestalten. In einer Informationslandschaft, die mehr und mehr zu einem Informationsmarkt mutiert, können sich Bibliotheken als starker, unabhängiger und daher vertrauensvoller Partner präsentieren. Eine Chance, die wir uns auf keinen Fall entgehen lassen sollten.  –  S. Medas, Teilnehmerin ULG UB Wien 2015

Noten:

i http://crl.acrl.org/content/72/1/62.full.pdf

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Was bedeutet Transliteracy?

Transliteracy – der Alleskönner unter den Rahmenmodellen

Im ULG Workshop „Förderung von Informationskompetenz“ haben wir uns mit den drei Rahmenmodellen Framework for Information Literacy for Higher Education, ANCIL und Metaliteracy auseinandergesetzt. In Gruppen eingeteilt, sollten wir ein Plakat gestalten, mit dem wir den anderen Teilnehmern eines der Modelle näher bringen können. Bei unserem Plakat über Metaliteracy stach einigen ein Wort ins Auge, welches sofort für Verwirrung sorgte – „Was soll denn Transliteracy sein?“ Nachfolgend muss ich sagen, dass wir das Wort wohl auf dem Plakat auch etwas falsch platziert haben. Es machte den Eindruck, als wäre Transliteracy eine Teilkompetenz von Metaliteracy. Aber so wie ich es jetzt verstehe, nachdem ich mich noch weiter mit dem Begriff auseinandergesetzt habe, ist Transliteracy eine Weiterentwicklung, bzw. sogar schon ein völlig neues Rahmenmodell.
Metaliteracy setzt den Fokus auf den richtigen Umgang mit den digitalen Medien, wohingegen Transliteracy darüber hinausgeht und die Fähigkeit verschiedene Kommunikationsarten kombinieren zu können, bzw. so viele Formen der Kommunikation wie möglich zu beherrschen, zum Ziel hat. Hier werden nicht nur die Arten der Informationsvermittlung miteinbezogen, mit denen sich auch Metaliteracy beschäftigt (Soziale Netzwerke etc.), sondern auch alle anderen erdenklichen Formen der Kommunikation und Informationsverbreitung: Briefe schreiben, Zeichensprache, Musik, SMS und Emails schreiben, Bilder, Körpersprache, Filme und Videos, Telefonieren und viele mehr.
Wenn sich auch nur zwei dieser Kommunikationsformen überschneiden, ergibt sich bereits ein Fall von Transliteracy. Im Idealfall hängt die Wahl der Kommunikationsform immer von der/ dem zu adressierenden Person/ Personenkreis ab.
Obwohl Metaliteracy schon sehr stark den Zeitgeist trifft, halte ich Transliteracy für eine noch wichtigere Form der Informationskompetenz, weil sie auch alle grundlegenden Arten der Kommunikationsmöglichkeiten wieder in den Vordergrund, oder zumindest auf die gleiche Ebene stellt, wie jene der neuen Medien.

Teilnehmerin ULG UB Wien 2015