Eine Selbstreflexion über Informationskompetenz

Wo immer die Entwicklung von Kompetenzen angestrebt wird, spielt Selbstreflexion eine entscheidende Rolle. Als ich während meines Studiums zum Lehrer ausgebildet werden sollte, war es bereits eine Binsenweisheit geworden, dass die Entwicklung von Kompetenzen ein vorrangiges Unterrichtsziel sein müsse, weil diese die Lernenden besser auf eine sich rasant entwickelnde Wissens- oder Informationsgesellschaft vorbereitet als das bloße Auswendiglernen bestimmter Fakten. Und dass dies eben nur dadurch möglich sei, dass die Lernenden ihren eigenen Lernprozess reflektieren und folglich auch möglichst eigenständig gestalten können.

Das Lernen lernen hieß dieses Prinzip. Kompetenzentwicklung durch Selbstreflexion. Und oft genug wurde dieses Prinzip während der Lehrerausbildung nicht nur als Unterrichtsziel vorgestellt, sondern auch im Unterricht selbst praktiziert, was die Möglichkeiten zur Selbstreflexion natürlich in schwindelerregende Höhen trieb. Das Lernen zu lernen ist eine delikate Angelegenheit. Noch delikater ist es, zu lehren, wie man dies tut. Und am delikatesten ist es vielleicht, zu lernen, wie man dies lehrt. Bestimmt ist meine Erinnerung ungerecht und verzerrend, aber ich möchte fast schwören, dass ich mich bei einigen dieser Ausbildungskurse an keinerlei konkrete Inhalte erinnern kann, sondern allein daran, dass wir alle weinend über unseren Lerntagebüchern und Portfolios saßen, in denen wir nun aufzeichnen mussten, wie wir lernen zu lernen zu lehren, das Lernen zu lernen. Wenn ich heute bei dem Wort Selbstreflexion im Unterricht (manchmal hieß sie auch „Reflektion“, was noch ein wenig einschüchternder klang) unwillkürlich an die Selbstkritiken denke, die während der chinesischen Kulturrevolution geschrieben wurden, dann liegt das vielleicht zum Teil an dieser Erfahrung.

In jedem Curriculum zur Entwicklung von Informationskompetenz wird Selbstreflexion auf die eine oder andere Weise berücksichtigt. Die Lernenden sollen etwa über ihren früheren Umgang mit Informationen nachdenken; sie sollen ihre eigenen Suchstrategien kritisch hinterfragen; sie sollen sich überlegen, welche Informationsquellen sie nutzen und warum. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Dies hat gute Gründe: Zum einen ist der Umgang mit Information in einer Informationsgesellschaft so alltäglich, dass er unbewusst abläuft, während er aber gleichzeitig so gravierende Auswirkungen hat, dass es durchaus sinnvoll ist, sich Dinge, die auf den ersten Blick banal erscheinen, bewusst zu machen. Zum anderen soll die Entwicklung von Informationskompetenz die Lernenden beim sogenannten lebenslangen Lernen unterstützen, was letztlich bedeutet, dass der eigene Umgang mit Informationen auch in Zukunft immer wieder selbständig hinterfragt und modifiziert werden muss.

Noch wichtiger als diese offensichtlichen Gründe erscheint mir aber vielleicht noch etwas anderes, was in dem Modell der „Metaliteracy“ beschrieben wird. Dieses Modell, das Informationskompetenz unter den spezifischen Bedingungen des digitalen Zeitalters neu zu fassen versucht, definiert die Lernenden unter anderem als Handelnde, die eine Reihe unterschiedlicher Rollen zugleich ausüben können: participant, communicator, translator, author, teacher, collaborator, producer, publisher, researcher. Wesentlich daran erscheint mir in diesem Zusammenhang nicht nur, dass hier die Trennung von Lehren und Lernen tendenziell aufgehoben wird. Wesentlich erscheint mir darüber hinaus, dass die Lernenden auf diese Weise eigentlich im Plural beschrieben werden: nicht als Einzelwesen, die durch kritische Selbstbetrachtung dahin gebracht werden, mit der Welt richtig zu interagieren, sondern als ein Kollektiv, in dem die Prozesse des Lernens und Reflektierens immer schon im Dialog stattfinden können. Und das ist vielleicht gerade ein wesentliches Element von Informationskompetenz.

Selbstreflexion spielt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von Informationskompetenz, aber sie ist vielleicht auch eine der heikelsten Anforderungen. Am wichtigsten wäre es vielleicht, bei der Entwicklung von Informationskompetenz einen Raum zur Verfügung zu stellen, in dem Reflexion für jeden und jede nach Bedarf möglich ist, und dass dieser Raum immer auch Austausch ermöglicht, so wie dieses Blog.

Teilnehmer ULG UB Wien 2015