Informationskompetenz @Bibliothekartag

Am österreichischen Bibliothekartag finden dieser Tage interessante Vorträge und Diskussionen aus den Themenbereichen Informationskompetenz und zur Vorwissenschaftlichen Arbeit statt.  Es werden ExpertInnen aus Österreich (Ulrike Kugler, Roland Robwein, Karin Ruhmannseder und Michaela Zemanek) und internationale Gäste vortragen: Jane Secker  aus Großbritannien (den TeilnehmerInnen der ULG Workshops vom ANCIL Rahmenmodell bekannt), Brigitte Schubnell aus der Schweiz, Karin Melloni, Simone Kibler, Linda Eckardt, Fabian Franke und Thomas Hapke aus Deutschland werden uns Einblicke in wichtige internationale Entwicklungen und Projekte erlauben.

Karin Lach

Informationskompetenz ist…….

Ein mir gesendeter Beitrag einer Kursteilnehmerin:

Informationskompetenz ist…….

Informationskompetenz – dieses wohlklingende Wort – wird im Bereich des Bildungswortschatzes immer öfters verwendet. Die meisten verwenden es, ohne genau zu wissen, was es bedeutet. Würde ich dieses Wort einem Kind zu erklären versuchen, dann würde ich es mit „das Wissen über eine Information, eine Auskunft, eine Angabe etc.“ beschreiben. Im Modul „Förderung von Informationskompetenz“ beim Vortragenden Dr. Wilfried Sühl-Strohmenger haben wir ebenfalls von Informationskompetenz gesprochen. Aus seinen Unterlagen entnehme ich auch folgende Definition, die es wissenschaftlich auf den Punkt bringt: Unter Informationskompetenz versteht man „ein Bündel von Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten […], das für das Bewältigen der Anforderungen in der Informations- und Wissensgesellschaft“[1] wesentlich ist und deshalb Bestandteil des lebenslangen Lernens ist. Dieses Wissen, welches man für die Bewältigung benötigt, ist jedoch vom Alter abhängig. Je nach Altersstufe müssen z. B. Schüler unterschiedliche Aufgaben bewältigen und eine entsprechende Informationskompetenz vorweisen können.

In der Schule ist durch die Lehrpläne genau festgelegt, welche Bildungsziele, welche Kompetenzen[2], zu welchem Zeitpunkt erreicht werden müssen. Ich finde dies sehr gut, da dadurch Leistung auch überprüft werden kann und durch die vorgegeben Bildungsziele weiß der Lehrer, auf welches Wissen er aufbauen kann. Diese Tatsache fehlt bis dato an österreichischen Bibliotheken. Von den Studenten wird Informationskompetenz im hohen Maße gefordert, welche mit dem Begriff der „Teaching Library“ zusammenhängt. Je nach Studienrichtung bietet die jeweilige Universitäts- oder Fachbereichsbibliothek unterschiedliche Kurse, Workshops und Lehrveranstaltungen an, um eine ausreichende Informationskompetenz zu erlangen, damit das Suchen und Finden relevanter Literatur und das Schreiben wissenschaftlicher Arbeiten keine Hürde darstellt. Mein Kritikpunkt ist hier, dass zwar viele Kurse und Lehrveranstaltungen in der Hinsicht angeboten werden, aber die meisten sind noch nicht als verpflichtend vorgesehen und basieren auf Freiwilligkeit oder Resignation – wenn im wissenschaftlichen Prozess wenig weiter geht – der Studenten. Ein Vorschlag wie man Informationskompetenz im bibliothekarischen Kontext umsetzen kann, zeigt das ANCIL-Modell[3], mit welchem sich auch meine Gruppe näher beschäftigt hat. Für uns war dieses sehr anschaulich und praxisorientiert. Es besteht aus zehn Zielen, die im Englischen mit „strand“ wiedergegeben werden. Diese lauten:

  1. Transition from school to higher education,
  2. Becoming an independent learner,
  3. Developing academic literacies,
  4. Mapping the information landscape,
  5. Resource discovery in your discipline,
  6. Managing information,
  7. Ethical dimension of information,
  8. Presenting and communicating knowledge,
  9. Synthesis and creating new knowledge und
  10. Social dimension of information.

Diese zehn Kompetenzen werden detailliert beschrieben und mit Beispielen untermauert. Sie sind nicht aufbauend, sondern können in einer beliebigen Reihenfolge vermittelt bzw. angewendet werden. Eine Möglichkeit wäre, dass man Kurse und Veranstaltungen in Bibliotheken die für Schulungszwecke gedacht sind, nach dem ANCIL-Modell aufbaut. Man könnte das dahingehend aufbauen, dass die Studenten Informationskompetenz als eine Art Zertifikat erwerben können, die sie dann vor künftigen Arbeitgebern vorweisen können. Bibliothekare würden dann vermehrt Bibliothekspädagogen sein und würden z. B. auch Prüfungen abnehmen. Hier wird die Bibliothek dem Begriff der „Teaching Library“ gerecht. Ich denke, dass Bibliothekare in Zukunft vermehrt Informationskompetenz vermitteln werden, wobei die Umsetzung und Adaptierung des ANCIL-Modells eine Möglichkeit wäre.

Katarina Zvonarich (Teilnehmerin UBW)

[1] Sühl-Strohmenger, Wilfried: Handout: Förderung von Informationskompetenz Teaching Library/Didaktik (Praxis) 2015, S. 4.

[2]https://www.bmbf.gv.at/schulen/unterricht/lp/lp_ahs_unterstufe.html (29.05.2014)

[3]https://newcurriculum.wordpress.com/ (1.6.2015)

„Forschung – za wos?“

Dieses Zitat findet sich auf der Titelseite einer der letzten Ausgaben des Nachrichtenmagazins profil[1]. Kurz und knapp wird durch die drei Worte zum Ausdruck gebracht, welchen Wert, welchen Stellenwert Information, Wissenschaft und Forschung und als deren Grundlage Informationskompetenz und ihre Vermittlung innehaben – nämlich offenbar keinen besonderen.

Das sollte uns allen zu denken geben!

Denn Forschung, die ihr zugrundeliegende Information und damit verbunden Informationskompetenz stellen wesentliche und wichtige Werte dar. Angesichts des genannten Zitates aber ist es nötig, sich des Wertes von Information offenbar erst wieder bewusst zu werden.

Informationskompetenz kann man daher nicht voraussetzen, sie muss entsprechend vermittelt werden!

Diese Aufgabe wird zu einem wesentlichen Teil von Bibliothekaren in ihrer Zuständigkeit als speziell geschulte und ausgebildete Informationsvermittler und in immer umfangreicherem Maßstab wahrgenommen und erfüllt. Um aber Informationskompetenz entsprechend an Dritte (Studenten, Wissenschaftler,…) zu vermitteln und weitergeben zu können, bedarf es entsprechender Werkzeuge. Im Rahmen der vom ULG Library and Information Studies abgehaltenen Lehrveranstaltung „Förderung von Informationskompetenz“ wurden unterschiedliche Modelle, die als wesentlich für die Vermittlung von Informationskompetenz gelten, vorgestellt. Es handelt sich dabei um „Metaliteracy[2]“ sowie um „ANCIL – A New Curriculum for Information Studies[3]. Vor allem in ANCIL wird Schritt für Schritt in insgesamt zehn „strands[4]“ dargelegt, welche Kenntnisse erworben werden sollten, um sich zu einem informationskompetenten Studenten und Wissenschaftler zu entwickeln; dadurch kann man sich im Endeffekt als informationskompetenten Menschen bezeichnen.

Doch fehlen diesen Modellen wesentliche Grundaussagen, basics sozusagen. Erst wenn eine derartige Basis geschaffen wird, kann damit begonnen werden, auch Informationskompetenz zu fördern und zu vermitteln.

Diese Grundlagen finden sich im „Framework for Information Literacy for Higher Education“ der ACRL[5]. Die Bezeichnung framework wurde bewusst gewählt, da es sich hierbei im Vergleich zu den beiden bereits erwähnten Modellen tatsächlich um einen Rahmen, um ein Bezugssystem handelt, „rather than a set of standards, learning outcomes, or any presciptive enumeration of skills[6]“.

Die wahrscheinlich wesentlichste Aussage findet sich in frame 3: Information Has Value[7].

Ein Bewusstsein und Wissen um die Vielschichtigkeit dieser Werte – values – sollte als Ausgangsbasis für Informationskompetenz und deren Vermittlung zuallererst geschaffen werden.

Es geht vor allem darum, ein Verständnis zu etablieren, dass Information ein durchaus wertvolles Gut darstellt, ein Instrument, das der Erziehung dient, genauso aber der Beeinflussung. Der Wert von Information kann für Verhandlungen herangezogen werden und nur mit Wissen um Information kann die Welt verstanden werden. Darüber hinaus werden mit diesem Wert auch rechtliche, soziale und wirtschaftliche Aspekte von Information abgedeckt[8].

Auch wenn frame 3 scheinbar besonders hervorgehoben wurde, muss an dieser Stelle betont werden, dass natürlich auch die übrigen 5 Punkte des Rahmenwerkes (Authority is Constructed and Contextual – Information Creation is a Process – Research as Inquiry – Scholarship as Conversation – Searching as Strategic Exploration[9]) genauso wesentliche Grundlagen bilden und für die Erwerbung von Informationskompetenz unentbehrlich sind.

Doch um zur eingangs gestellten Frage „Forschung – za wos (wozu)?“ zurückzukommen und sie zu beantworten: weil als Grundlage von Forschung Information anzusehen ist und diese Information hat einen (unschätzbaren!) Wert – Information Has Value!

J. Felsner, Kursteilnehmerin ULG 2015, UB Wien

 

[1] profil – das Nachrichtenmagazin, Nr. 22, 46. Jg. 22. Mai 2015, Titelseite.

[2] http://metaliteracy.cdlprojects.com/what.htm

[3] https://newcurriculum.wordpress.com/using-ancil/

[4] Ebd.

[5] http://www.ala.org/acrl/standards/ilframework

[6] Ebd., Introduction.

[7] Ebd., Frames, Information Has Value.

[8] Ebd.: „Information possesses several dimensions of value, including as a commodity, as a means of education, as a means to influence, and as a means of negotiation and understanding the world. Legal and socioeconomic interests influence information production and dissemination“.

[9] http://www.ala.org/acrl/standards/ilframework

Information hat Wert

Wer seine Diplom-, Master- oder Doktorarbeit nach 2007 an einer österreichischen Universität abgegeben hat, kennt sie – die Plagiatsprüfung. Dabei werden mittels Plagiatserkennungssoftware Abschlussarbeiten nach dem Hochladen mit allen elektronisch verfügbaren Texten abgeglichen, Auffälligkeiten meldet die Software sofort. [1]

Sich mit den Forschungsergebnissen anderer auseinanderzusetzen, diese als Grundlage oder Inspiration für die eigene Forschungstätigkeit zu nutzen und damit auch weiterzuentwickeln, zählt zu den Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens – genauso wie das korrekte Zitieren all jener Stellen, die von anderen übernommen wurden. Geschieht dies nicht – Markus Malo spricht in diesem Zusammenhang von einer „[…] implizite[n], für den Leser nicht erkennbare[n] und damit nicht nachvollziehbare[n] Auseinandersetzung […]“ [2] – liegt ein wissenschaftliches Plagiat vor. [3]

Dass Plagiarismus kein Kavaliersdelikt ist, dass niemand fremdes geistiges Eigentum, sprich: die intellektuelle Leistung eines oder einer anderen ohne entsprechende Nachweise als seine oder ihre Arbeit ausgeben darf, muss transportiert werden – das schafft die Vermittlung von Informationskompetenz, denn informationskompetentes Verhalten inkludiert auch den ethischen Umgang mit Information. [4]

Informationsethik als Teil der Informationskompetenz findet sich in den Information Literacy Competency Standards for Higher Education der ACRL ebenso wie in den vom Netzwerk Informationskompetenz Baden-Württemberg herausgegebenen Standards der Informationskompetenz für Studierende (pdf). Hier heißt es im fünften Standard:
„Die informationskompetenten Studierenden sind sich ihrer Verantwortung bei der Informationsnutzung und -weitergabe bewusst.“
Unter anderem bedeutet dies, sowohl institutionelle Regeln in Bezug auf die Nutzung von Informationsressourcen zu befolgen, keine Plagiate zu erzeugen und verwendete Informationsquellen zu zitieren, als auch die Privatsphäre und den Dateschutz zu achten sowie das Urheberrecht zu wahren. [5]

Auch das Rahmenmodell ANCIL (A New Curriculum for Information Literacy) spricht die „ethische Dimension von Information“ (strand 7) dezidiert an: die Vermeidung von Plagiarismus, korrektes Zitieren, das Teilen von Informationen, ohne die Rechte anderer zu verletzen, und die Achtung von fremdem geistigen Eigentum zählen unter anderem zum Inhalt dieses Strangs. Neben den Lernzielen werden bei ANCIL zu deren Erreichung auch didaktische Methoden vorgeschlagen. Nicht zuletzt deshalb erscheint ANCIL als ein besonders probates Modell für den Einsatz im Hochschulbereich. [6]

Im Rahmen der Vermittlung von Informationskompetenz über Plagiarismus und seine Folgen nachhaltig aufzuklären, die „gute wissenschaftliche Praxis“ nahe zu bringen sowie ganz allgemein die Grundwerte der Informations- und Meinungsfreiheit zu vermitteln und vor allem Verständnis dafür zu wecken, sollte bereits im Schulalter stattfinden, spätestens jedoch zu Beginn des Hochschulstudiums. [7] Eine so früh als möglich einsetzende Bewusstseinsbildung hinsichtlich des korrekten wissenschaftlichen Arbeitens wird auch deswegen für so wichtig erachtet, da die so genannten digital natives „[…] im Allgemeinen mit der Gratiskultur des Internets aufgewachsen […] [sind] und die hier vorherrschende Tauschkultur auf den Wissenschaftsbetrieb […]“ übertragen. [8]

Am zielführendsten ist es sicherlich, bereits in der Schul- und später in der Hochschulbildung die Vermittlung von Aspekten der Informationsethik als Teil der Informationskompetenz fix zu implementieren. Darüber hinaus sollte aber nicht vergessen werden, ebenso die etablierte Wissenschaft und natürlich auch Personengruppen außerhalb des Wissenschaftsbetriebs immer wieder darauf aufmerksam zu machen, dass Plagiarismus eben kein Kavaliersdelikt ist.
Information hat Wert, auch – und im Zusammenhang mit diesem Blogbeitrag vor allem – im Sinne des Schutzes der intellektuellen Leistung eines, einer anderen. Die Achtung fremden geistigen Eigentums muss für alle gelten!

A. Spitta, Teilnehmerin ULG UB Wien 2015

Quellen:
[1] Vgl. Anna Schinwald, Diplomarbeit: So funktioniert die Plagiatsprüfung. In: Die Presse, 25.09.2012, online unter http://diepresse.com/home/bildung/unilive/1294155/Diplomarbeit_So-funktioniert-die-Plagiatsprufung (31. Mai 2015).

[2] Markus Malo, Das Schreiben der Anderen – Informationskompetenz und Plagiarismus. In: Wilfried Sühl-Strohmenger (Hg.), Handbuch Informationskompetenz (Berlin/Boston 2012) 290-300, hier: 295.

[3] Ebenda, 294f.

[4] Vgl. Hermann Rösch, Informationskompetenz, Informationsfreiheit, Informationsethik. In: Wilfried Sühl-Strohmenger (Hg.), Handbuch Informationskompetenz (Berlin/Boston 2012) 57-66, hier: 64.

[5] Vgl. Netzwerk Informationskompetenz Baden-Württemberg (Hg.), Standards der Informationskompetenz für Studierende, online unter http://www.informationskompetenz.de (pdf) (31. Mai 2015).

[6] Vgl. ANCIL full curriculum (with explanatory notes), online unter: http://implementingancil.pbworks.com/w/file/55164963/ANCIL%20full%20curriculum%20%28with%20explanatory%20notes%29 (31. Mai 2015).

[7] Vgl. Rösch, Informationsethik, 64f.

[8] Malo, Plagiarismus, 294.

Eine neue Informationslandschaft braucht eine neue Informationskompetenz (oder wie man die Bäume UND den Wald sieht)

Siebziger Jahre, Europa, mittelgroße Stadt, Einfamilienhaus: ein Paket wird geliefert und im Haus geöffnet. Der Inhalt besteht aus Papier; es handelt sich um das jährliche Zusatzheft mit Aktualisierungen, das die Familien-Enzyklopädie auf dem neuesten Stand halten soll. Im Hintergrund läuft der Fernseher.

2015, Europa, Großstadt oder Land, drinnen oder draußen: ich entsperre mein Mobilgerät, neue Tweets tauchen nacheinander auf, jemand postet gerade etwas auf Facebook, gleichzeitig verschaffe ich mir über VPN Zugang zu einer Reihe an virtuellen Medien in meiner Heimateinrichtung.

In wenigen Jahrzehnten hat sich die globale Informationslandschaft sehr verändert. Einige der Informationsquellen und -träger, mit denen wir aufgewachsen sind, verwenden wir immer noch; andere mussten für modernere Platz machen.

Denn die Informationslandschaft wird immer heterogener. Einerseits sind Informationen nicht mehr rein auf Papier, sondern auf einer Vielzahl von Trägern oder nur noch virtuell vorhanden; andererseits ist die scharfe Trennung zwischen InformationsproduzentInnen und InformationsempfängerInnen nicht mehr vorhanden. Beide Entwicklungen sind eng miteinander verbunden: InformationsempfängerInnen können anhand einer Vielzahl neuer Medien unmittelbar auch InformationsproduzentInnen sein.

Diese Entwicklung bringt durchaus positive Aspekte vor allem im Sinne der Meinungsvielfalt und -freiheit mit sich. Gleichzeitig wirft sie einige Fragen auf: wenn jeder Informationen für jeden produzieren kann, wer garantiert die Angebotsqualität? Dies ist ein wesentlicher Punkt nicht nur in Bezug auf die Produktion wissenschaftlicher Information, sondern auf jeder Ebene des Informationsprozesses. Die Frage der kritischen Beurteilung von Informationen und Informationsquellen – immer von zentraler Bedeutung – nimmt eine neue Dimension an.

Um diesen neuen Herausforderungen gerecht zu werden, muss sich die Informationskompetenz in eine völlig neue Richtung bewegen. Mit der Formulierung des Metaliteracy Konzeptes in 2011i haben Thomas P. Mackey und Trudi E. Jacobson ein Modell erstellt, das die grundlegenden Änderungen in der Informationslandschaft berücksichtigt. Nach diesem Modell kann der informationskompetente Mensch bewusst am Informationsprozess im digitalen Zeitalter teilnehmen und die neuen (sozialen) Medien und Online Communities kritisch benutzen und beurteilen. Wichtig dabei ist der Fokus auf eine ganze Palette von Literacies (Visual Literacy, Media Literacy, News Literacy usw.), die nicht nur als Einzelfähigkeiten, sondern als Ganzes und in Verbindung zu einander beherrscht werden solltenii. Es entsteht somit eine übergreifende Kompetenz, die Mackey und Jacobson Transliteracy nennen. Dabei geht es darum, nicht nur die Bäume, sondern auch den Wald als Gesamtsystem mit all seinen Verzweigungen wahrzunehmen.

Für Bibliotheken als Förderer von Informationskompetenz entstehen somit eine Verpflichtung gegenüber Ihrer Nutzerinnen und auch eine große Chance, die Informationsprozesse von Morgen mitzugestalten. In einer Informationslandschaft, die mehr und mehr zu einem Informationsmarkt mutiert, können sich Bibliotheken als starker, unabhängiger und daher vertrauensvoller Partner präsentieren. Eine Chance, die wir uns auf keinen Fall entgehen lassen sollten.  –  S. Medas, Teilnehmerin ULG UB Wien 2015

Noten:

i http://crl.acrl.org/content/72/1/62.full.pdf

„Lügenpresse“ und Informationskompetenz

„Lügenpresse“ wurde zum Unwort des Jahres 2014 in Deutschland gekürt, nachdem die Pegida es als politischen Kampfbegriff verwendet hat. Verknüpft mit dem Wort ist der Vorwurf an große Medienunternehmen, nicht die Wahrheit zu berichten und der Öffentlichkeit wesentliche Informationen vorzuenthalten. Die Autorität der etablierten Tages- und Wochenzeitungen aber auch des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wird damit offensiv infrage gestellt.

Autorität als Konstruktion

Das Konzept Framework for Information Literacy for Higher Education wurde erst im Februar 2015 als neues Positionspapier zum Thema Informationskompetenz von der American Library Association (ALA) beschlossen. Direkt anschließend an die Einleitung wird darin die Wichtigkeit betont, Informationen und deren Quelle zu hinterfragen: „Authority Is Constructed and Contextual“, lautet der Titel des ersten, von insgesamt sechs, Frames.

Informationskompetenz?

Passt das zusammen? Artikuliert die rassistische Pegida mit ihren „Lügenpresse“-Rufen einen Kernpunkt von Informationskompetenz? Die kurze Antwort: Nein. Die lange Antwort: Das Wort „Lügenpresse“ hat mit Informationskompetenz, wie sie Bibliotheken verstehen, nichts zu tun.

Da ist zunächst die Geschichte des Begriffs selbst, der als politischer Kampfbegriff im Ersten Weltkrieg verwendet und später von der Nazi-Propaganda aufgegriffen wurde. Dessen Bedeutung liegt nicht im ergebnisoffenen Hinterfragen von Inhalten. Im Gegenteil – „Lügenpresse“ zeichnet eher das pauschale Bild einer feindseligen Verschwörung, die sich der Medien im Allgemeinen bedient. Und wer mit dem Wort eine Suche auf YouTube durchführt, kommt schnell in jene Nischen der Plattform, wo krude Theorien über geheime Machenschaften verbreitet werden. Berechtigte Kritik an der Berichterstattung von etablierten Medien sieht anders aus – zum Beispiel so wie der Blog „Kobuk“. (Siehe dazu auch diesen Tagesschau-Beitrag zum Wort „Lügenpresse“.)

„respect the expertise […] while remaining skeptical“
(Zitat aus dem ALA-Framework)

Ziel bei der Vermittlung von Informationskompetenz ist es, dass Lernende die Glaubwürdigkeit von Quellen richtig einschätzen. Darüber hinaus geht es entsprechend dem Framework der ALA auch darum, ein Verständnis zu entwickeln, warum manche Quellen mehr Autorität beanspruchen können als andere. Auf dieser Grundlage – also dem kompetenten Umgang mit Information – sollte es möglich sein, sich aus unterschiedlichen Quellen eine qualifizierte Meinung zu gesellschaftlichen Fragen zu bilden. Und die Antworten sind dann hoffentlich andere als jene aus der „Lügenpresse“- und Pegida-Ecke.

Information hat Wert

Wir leben in einer Informationsgesellschaft. Information ist immer und überall verfügbar, ja es wird sogar von einer „Informationsflut“ gesprochen. Aber hat „Information“, etwas das uns ständig angeboten wird und so allgegenwärtig ist, dass wir drohen, unter einer „Informationsflut“ zu „ersticken“ denn auch einen Wert?

Wollte man vor zwanzig Jahren einen Fakt nachschlagen, musste man entweder in eine Buchhandlung gehen und ein Lexikon kaufen oder in eine Bibliothek gehen, eventuell einen Leserausweis beantragen und dort recherchieren. Der Zugang zu Information war also mit einem bestimmten finanziellen und/oder zeitlichen Aufwand verbunden. Heute reicht es, den Suchbegriff in einen Schlitz einzugeben und man bekommt die gewünschten Informationen. Oft ist es nicht einmal nötig, zu wissen, auf welcher Homepage man nachschlägt, denn im Browser auf dem Computer oder auf dem Homescreen das Smartphones befindet sich ein Schlitz, der direkt zu Google oder Wikipedia verlinkt. In vielen Apps reicht es, das gewünschte Wort zu markieren und auf „nachschlagen“ zu klicken, ohne dass man sich bewusst sein muss, worin man denn eigentlich gerade nachschlägt. Der Zugang zu Information geschieht also kostenlos, sofort, in der Umgebung, in der sich der Nutzer gerade befindet (Browser, App, …) und ohne bewusste Selektion der Quellen.

Doch nur, weil der Umgang mit Information oft unreflektiert und unbewusst erfolgt, heißt das noch lange nicht, dass die Information keinen Wert hat. Denn auch wenn der Zugriff zur Information mit keinerlei Aufwand verbunden ist, sind doch für das Erstellen und zur-Verfügung-stellen von Informationen Zeit, Geld und sonstige Ressourcen nötig. Sich dieses Wertes sowohl beim Konsumieren, als auch beim Produzieren von Information bewusst zu sein, ist ein wichtiges Element der Informationskompetenz. „Information has Value“ ist daher eins der sechs Frames des Framework for Information Literacy for Higher Education der ACRL (Association of College and Research Libraries). Hier werden verschiedene Dimensionen von Wert betrachtet, sowohl als Ware, als auch als ein Mittel zur Erziehung, zur Beeinflussung und zur Betrachtung der Welt. Nutzer sollen sich der verschiedenen Dimensionen des Wertes von Information bewusst sein und ihre Rechte und Pflichten als Konsumenten und Produzenten von Information verstehen. Dazu gehören unter anderem

  • die korrekte Zitation, um den Wert der Arbeit anderer anzuerkennen und sich nicht selbst anzueignen
  • zu verstehen, wie Information und der Zugang zu Informationen genutzt werden können, um andere zu beeinflussen (gemeint ist hier ein theoretisches Verständnis, um diese erkennen zu können und nicht etwa, solche Praktiken selbst umzusetzen)
  • bewusst darüber zu entscheiden, wo und wie die eigene Information publiziert wird.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass Information einen Wert hat, und dass ein sich-bewusst-machen dieses Wertes und ein bewusstes Umgehen mit Information ein wichtiger Aspekt von Informationskompetenz ist.