„Lügenpresse“ und Informationskompetenz

„Lügenpresse“ wurde zum Unwort des Jahres 2014 in Deutschland gekürt, nachdem die Pegida es als politischen Kampfbegriff verwendet hat. Verknüpft mit dem Wort ist der Vorwurf an große Medienunternehmen, nicht die Wahrheit zu berichten und der Öffentlichkeit wesentliche Informationen vorzuenthalten. Die Autorität der etablierten Tages- und Wochenzeitungen aber auch des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wird damit offensiv infrage gestellt.

Autorität als Konstruktion

Das Konzept Framework for Information Literacy for Higher Education wurde erst im Februar 2015 als neues Positionspapier zum Thema Informationskompetenz von der American Library Association (ALA) beschlossen. Direkt anschließend an die Einleitung wird darin die Wichtigkeit betont, Informationen und deren Quelle zu hinterfragen: „Authority Is Constructed and Contextual“, lautet der Titel des ersten, von insgesamt sechs, Frames.

Informationskompetenz?

Passt das zusammen? Artikuliert die rassistische Pegida mit ihren „Lügenpresse“-Rufen einen Kernpunkt von Informationskompetenz? Die kurze Antwort: Nein. Die lange Antwort: Das Wort „Lügenpresse“ hat mit Informationskompetenz, wie sie Bibliotheken verstehen, nichts zu tun.

Da ist zunächst die Geschichte des Begriffs selbst, der als politischer Kampfbegriff im Ersten Weltkrieg verwendet und später von der Nazi-Propaganda aufgegriffen wurde. Dessen Bedeutung liegt nicht im ergebnisoffenen Hinterfragen von Inhalten. Im Gegenteil – „Lügenpresse“ zeichnet eher das pauschale Bild einer feindseligen Verschwörung, die sich der Medien im Allgemeinen bedient. Und wer mit dem Wort eine Suche auf YouTube durchführt, kommt schnell in jene Nischen der Plattform, wo krude Theorien über geheime Machenschaften verbreitet werden. Berechtigte Kritik an der Berichterstattung von etablierten Medien sieht anders aus – zum Beispiel so wie der Blog „Kobuk“. (Siehe dazu auch diesen Tagesschau-Beitrag zum Wort „Lügenpresse“.)

„respect the expertise […] while remaining skeptical“
(Zitat aus dem ALA-Framework)

Ziel bei der Vermittlung von Informationskompetenz ist es, dass Lernende die Glaubwürdigkeit von Quellen richtig einschätzen. Darüber hinaus geht es entsprechend dem Framework der ALA auch darum, ein Verständnis zu entwickeln, warum manche Quellen mehr Autorität beanspruchen können als andere. Auf dieser Grundlage – also dem kompetenten Umgang mit Information – sollte es möglich sein, sich aus unterschiedlichen Quellen eine qualifizierte Meinung zu gesellschaftlichen Fragen zu bilden. Und die Antworten sind dann hoffentlich andere als jene aus der „Lügenpresse“- und Pegida-Ecke.

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